8 Fragen an Russland-Experten: Heute mit Karsten Packeiser
Russland – ein Land, das viele fasziniert und gleichzeitig unzählige Fragen aufwirft. Es ist ein Land der Superlative, voller Kontraste und unentdeckter Ecken. Wer könnte uns dieses riesige Reich besser näherbringen als jemand, der es seit Jahren bereist und dort sogar gelebt hat? Ich freue mich riesig, heute Karsten Packeiser bei mir im Interview zu haben. Karsten ist das Gesicht hinter dem wunderbaren Blog „Rhein-Wolga-Kanal“, einer wahren Goldgrube für alle, die Russland auf eigene Faust entdecken wollen. Er teilt dort nicht nur praktische Reisetipps, sondern auch ganz persönliche Einblicke in das Leben und die Seele Russlands. Lass uns direkt eintauchen in die Welt von Karsten und seinen Russland-Abenteuern!
1. Hallo Karsten, schön, dass Du da bist! Erzähl uns doch mal, wie kam es zu Deinem Blog „Rhein-Wolga-Kanal“ und was fasziniert Dich so an Russland?
Hallo! Danke für die Einladung. Die Idee zum „Rhein-Wolga-Kanal“ entstand eigentlich aus einer persönlichen Notwendigkeit heraus. Als ich 2010 das erste Mal für längere Zeit nach Russland ging, gab es kaum deutschsprachige Blogs, die wirklich in die Tiefe gingen. Vieles war sehr oberflächlich oder von Klischees geprägt. Ich wollte eine Brücke bauen, so wie der Rhein-Wolga-Kanal eine Verbindung schafft. Eine Brücke zwischen unseren Kulturen, die zeigt, wie Russland wirklich tickt – jenseits der Schlagzeilen.
Meine Faszination für Russland begann schon viel früher. Als Jugendlicher las ich die großen russischen Klassiker, von Dostojewski bis Tolstoi. Diese tiefgründige, oft melancholische Seele der russischen Literatur hat mich gepackt. Später, auf meinen ersten Reisen, habe ich dann gemerkt, dass diese Seele auch in den Menschen und Landschaften weiterlebt. Die unendliche Weite, die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen, die pulsierenden Metropolen und die herzliche Gastfreundschaft der Menschen – diese Mischung ist einfach einzigartig.
2. Du hast lange in Moskau gelebt. Was ist für Dich der größte Unterschied zum Leben in Deutschland?
Oh, da gibt es einige! Der vielleicht größte Unterschied ist das Tempo. Moskau ist eine Stadt, die niemals schläft. Alles ist 24/7 verfügbar, die Metro fährt bis tief in die Nacht, und die Menschen sind ständig in Bewegung. Das kann anfangs ganz schön überfordernd sein, aber man gewöhnt sich daran und lernt, diese Energie zu schätzen. In Deutschland geht es doch oft etwas beschaulicher zu.
Ein weiterer Punkt ist die Spontaneität. In Deutschland planen wir gerne alles generalstabsmäßig durch. In Russland laufen viele Dinge informeller und spontaner ab. Man verabredet sich kurzfristig, entscheidet aus dem Bauch heraus. Das führt manchmal zu Chaos, aber auch zu wunderbaren, unerwarteten Erlebnissen. Man muss lernen, ein bisschen loszulassen und sich auf den Fluss der Dinge einzulassen. Das ist eine Lektion, die ich aus meiner Zeit in Moskau mitgenommen habe.
Und natürlich die Bürokratie! Die ist in Russland legendär. Manchmal hat man das Gefühl, für alles einen Stempel, ein Dokument und eine beglaubigte Kopie zu brauchen. Da ist Geduld gefragt – und oft auch ein guter Sinn für Humor.
3. Was ist das größte Missverständnis, das Deutsche über Russland haben?
Das hartnäckigste Klischee ist wohl das Bild vom ewig grimmigen, Wodka trinkenden Russen. Natürlich gibt es die ernsten Gesichter, gerade in der Öffentlichkeit. Aber das ist oft nur eine Fassade. Sobald man mit den Menschen ins Gespräch kommt, tauen sie auf und zeigen eine unglaubliche Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Ich wurde so oft von wildfremden Menschen nach Hause eingeladen, bewirtet und beschenkt. Diese Offenheit hinter der rauen Schale ist etwas, das viele überrascht.
Ein weiteres Missverständnis ist, dass Russland nur aus Moskau und St. Petersburg besteht. Diese beiden Städte sind ohne Frage beeindruckend, aber sie sind nicht das „echte“ Russland. Das wahre Herz des Landes schlägt in der Provinz, in den kleinen Dörfern an der Wolga, in den Weiten Sibiriens oder im Kaukasus. Wer die Chance hat, sollte unbedingt mal raus aus den Metropolen und das ländliche Russland entdecken. Dort erlebt man eine ganz andere Welt.
4. Welchen Ort in Russland muss man Deiner Meinung nach unbedingt gesehen haben – abseits der bekannten Pfade?
Eine schwierige Frage, denn es gibt so viele! Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, dann wäre es wahrscheinlich die Insel Kishi im Onegasee in Karelien. Das ist ein Ort wie aus einem Märchen. Dort steht eine Holzkirche aus dem 18. Jahrhundert, die angeblich ohne einen einzigen Nagel gebaut wurde. Die ganze Insel ist ein Freilichtmuseum für russische Holzarchitektur. Die Landschaft drumherum ist atemberaubend – unberührte Natur, glasklares Wasser. Im Sommer mit den weißen Nächten ist die Stimmung dort einfach magisch. Man erreicht die Insel am besten mit dem Schiff von Petrosawodsk aus. Ein unvergessliches Erlebnis!
Ein anderer Geheimtipp ist die Stadt Susdal, etwa 200 Kilometer nordöstlich von Moskau. Sie gehört zum Goldenen Ring und ist quasi ein lebendiges Museum. Die Zeit scheint dort stehen geblieben zu sein. Überall Holzhäuser, unzählige Kirchen und Klöster mit bunten Zwiebeltürmen und eine unglaublich entspannte Atmosphäre. Man kann dort wunderbar spazieren gehen, mit einer Pferdekutsche fahren und in die altrussische Geschichte eintauchen.
5. Dein Blog heißt „Rhein-Wolga-Kanal“. Hast Du eine besondere Verbindung zur Wolga?
Absolut! Die Wolga ist für mich so etwas wie die Lebensader Russlands. Sie ist nicht nur der längste Fluss Europas, sondern auch ein Symbol für die russische Seele. An ihren Ufern haben sich unzählige historische Ereignisse abgespielt. Viele Lieder und Gedichte besingen sie. Eine Reise entlang der Wolga ist wie eine Reise durch die russische Geschichte und Kultur.
Ich bin selbst schon Teilstücke der Wolga mit dem Schiff abgefahren, von Nischni Nowgorod bis nach Astrachan am Kaspischen Meer. Das ist eine fantastische Art zu reisen. Man gleitet gemächlich dahin, sieht die Landschaft an sich vorbeiziehen und legt in historischen Städten wie Kasan, Samara oder Wolgograd (dem früheren Stalingrad) an. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Geschichte. In Kasan spürt man den tatarischen Einfluss, in Wolgograd die Wunden des Zweiten Weltkriegs. Diese Vielfalt entlang des Flusses finde ich unglaublich spannend.
6. Was rätst Du jemandem, der zum ersten Mal nach Moskau reist? Was sind Deine persönlichen Top 3?
Für einen Erstbesuch in Moskau sollte man sich auf jeden Fall genug Zeit nehmen, mindestens 4-5 Tage. Die Stadt ist riesig und hat so viel zu bieten. Hier sind meine persönlichen Top 3:
- ●**Die Metro erkunden:** Die Moskauer Metro ist nicht nur ein Transportmittel, sondern ein unterirdischer Palast. Jede Station ist ein Kunstwerk für sich – mit Marmor, Mosaiken, Kronleuchtern und Statuen. Kauf Dir einfach ein Ticket (eine Einzelfahrt kostet ca. 55 Rubel, also weniger als ein Euro) und fahr ein paar Stationen auf der Ringlinie (Kolzewaja Linija). Besonders schön sind die Stationen Komsomolskaja, Kiewskaja und Majakowskaja. Nimm Dir Zeit und schau Dich um, es lohnt sich!
- ●**Ein Spaziergang durch den Gorki-Park:** Der Gorki-Park hat sich in den letzten Jahren von einem angestaubten Sowjet-Park in eine supermoderne und coole Freizeitoase verwandelt. Im Sommer kann man hier am Ufer der Moskwa entspannen, sich ein Fahrrad oder Tretboot leihen, in einem der vielen hippen Cafés sitzen oder Open-Air-Konzerte besuchen. Im Winter verwandelt sich der Park in eine riesige Eisbahn. Der Eintritt ist frei, man zahlt nur für die Aktivitäten. Ein toller Ort, um das moderne, junge Moskau zu erleben.
- ●**Das Nowodewitschi-Kloster besuchen:** Der Rote Platz und der Kreml sind natürlich Pflicht. Aber wenn Du etwas mehr Ruhe und eine tiefere spirituelle Atmosphäre suchst, empfehle ich Dir das Nowodewitschi-Kloster im Südwesten der Stadt. Es ist eines der schönsten Klöster Russlands und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Anlage ist wunderschön an einem See gelegen und strahlt eine unglaubliche Friedlichkeit aus. Auf dem angrenzenden Friedhof sind viele berühmte Russen begraben, von Schriftstellern wie Tschechow und Gogol bis zu Politikern wie Chruschtschow und Jelzin. Ein sehr bewegender Ort.
7. Viele schrecken vor einer Russland-Reise zurück, weil sie die Sprache nicht sprechen. Wie sind Deine Erfahrungen damit?
Das ist eine verständliche Sorge, aber sie ist meist unbegründet. Natürlich ist es hilfreich, ein paar Brocken Russisch zu können und zumindest das kyrillische Alphabet lesen zu lernen. Das erleichtert die Orientierung ungemein. Aber gerade in den großen Städten wie Moskau und St. Petersburg kommt man mit Englisch immer besser durch. Viele junge Leute sprechen Englisch, und in Restaurants und Hotels gibt es oft englische Speisekarten und englischsprachiges Personal.
Mein Tipp: Lerne vor der Reise die wichtigsten Wörter wie „Hallo“ (Privet), „Danke“ (Spasibo), „Bitte“ (Pozhaluysta) und „Entschuldigung“ (Izvinite). Die Russen freuen sich riesig, wenn sie merken, dass man sich bemüht. Und hab keine Angst, mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Die Menschen sind in der Regel sehr hilfsbereit. Eine Übersetzer-App auf dem Smartphone kann natürlich auch Gold wert sein, gerade wenn es um komplexere Dinge geht.
8. Zum Abschluss: Was sind Deine nächsten Pläne? Worauf dürfen wir uns auf Deinem Blog freuen?
Oh, Pläne habe ich immer viele! Russland ist ja unerschöpflich. Ich würde gerne mal wieder in den Fernen Osten reisen, nach Wladiwostok und auf die Halbinsel Kamtschatka. Die Natur dort soll absolut spektakulär sein – mit Vulkanen, Geysiren und Bären. Das ist aber eine größere Expedition, die gut geplant sein will.
Ansonsten möchte ich auf dem Blog in nächster Zeit ein paar praktische Ratgeber-Artikel veröffentlichen. Zum Beispiel eine detaillierte Anleitung zur Beantragung des E-Visums, das es ja seit einiger Zeit gibt und das Reisen deutlich einfacher macht. Außerdem plane ich eine Serie über die russische Küche, mit Rezepten zum Nachkochen. Es gibt also noch viel zu entdecken und zu erzählen. Schaut einfach regelmäßig auf dem Rhein-Wolga-Kanal vorbei!
Vielen Dank, Karsten, für diese spannenden Einblicke! Es war mir eine große Freude, mit Dir zu sprechen. Ich bin sicher, Du hast bei vielen Lesern die Neugier auf dieses faszinierende Land geweckt.
